Stiftung Warentest: 215 Matratzen im Test (1)

On 28. Januar 2016 by Detlef Rochow

„Lassen Sie sich beim Matratzenkauf nicht über den Tisch ziehen. Viele Händler und Hersteller in der Bettenbranche erzählen Werbemärchen, dass sich die Lattenroste biegen. Sie wollen möglichst teure Schlafstätten verkaufen. Orientierung im Betten-Märchenland gibt allein der Produktfinder der Stiftung Warentest.“ So vollmundig beginnt der Stiftung Warentest-Artikel – und so prätentiös geht es weiter.

Für mich war die Stiftung Warentest die Institution, die kühl, mit klarem Sachverstand, unparteiisch Produkt und Dienstleistung auf den Grund geht, nach intensiven Tests dann ein wohlgesetztes Urteil fällt, dem ich vertrauen konnte. Umso herber ist jetzt meine Enttäuschung. So wird es kaum möglich sein, diesen Matratzen-„Test“ in einem einzigen Beitrag adäquat zu würdigen. Das wird wohl eine kleine Serie.

Heute: Auswahl der Matratzen
Zur Erinnerung: Was erhofft sich der Leser von Tests der Stiftung Warentest (und auch anderer Tests)? Zu allererst Orientierung; Hilfe bei der Auswahl aus einer Fülle möglicher Produkte. Und was will der Leser mit einer neuen Matratze oder einem neuen Bett? Er will einfach gut schlafen und am Morgen erholt und fit für den Tag ohne Schmerzen aufwachen – und das zu einem vernünftigen Preis und mit umweltfreundlich gestimmten Gewissen. Sind die Testbeiträge dann auch noch unterhaltsam und leicht verständlich geschrieben, freut das den Leser, aber Orientierung und Hilfe sind ihm wichtiger.

© Foto: Traumreiter. Dieses wunderschöne Bett wird die Stiftung Warentest nicht testen, denn für die Stiftung – eigentlich der Neutralität verpflichtet – gibt es das Bett überhaupt nicht: Es ist ein Wasserbett von Traumreiter, das auf Wunsch auch gut isoliert ohne Strom für eine Heizung auskommt, und mit Kaltschaum statt Flies ausgestattet, als Hybrid die guten Eigenschaften von Wasserbett und Kaltschaummatratze vereint. Ob es hält, was Traumreiter verspricht, wäre einen Test wert. Aber Innovation scheint nicht die Stärke der Stiftung Warentest

Seit der Steinzeitmensch in offenen Höhlen aneinander gekauert auf Heu, Moos und Fellen lag haben sich die Schlafzimmer und die Betten weiterentwickelt. Eine Entwicklung, die vor allem in den letzten Jahrzehnten an Geschwindigkeit zugenommen hat. Auch, weil das Thema Schlaf mit der zunehmenden Hektik des Arbeitsalltags in den Fokus von (Schlaf-)Forscher und leidgeprüfter Schläfer gerückt ist: Deshalb spricht man heute von einem Bettsystem, das aufeinander abgestimmt für uns optimiert wird. Es soll genau das bieten, was uns heute häufig fehlt: nachhaltig gesunderhaltender, erholsamer Schlaf.

Schlafsysteme – mehr als nur eine Matratze auf harter Unterlage
Ein Schlafsystem besteht zumindest aus einer Unterfederung, einer Matratze, einem Kopfkissen und einer Zudecke. Erst wenn alles auf einander und auf den Schläfer optimiert und abgestimmt ist, wird sich guter Schlaf einstellen. Nebenbei: Man spricht heute von Unterfederungen, weil es inzwischen nicht nur einfache Lattenroste gibt. So ist auch das Boxspringbett aufgebaut – und wird aber von der Stiftung Warentest als einziges Bett als Komplettsystem auf den Prüfstand gestellt und im Matratzentests bewertet. Alle anderen Matratzen müssen der scheinbaren Objektivität halber mit einer starren Unterlage vorlieb nehmen (Ob hier ein paar Matratzen sowohl mit eigener Unterfederung als auch der von der Stiftung verordeten Unterlage getestet wurden, spielt eigentlich keine wirkliche Rolle).

© Foto: Möbel im Netz GmbH. Der Schichtaufbau eines Boxspringbettes. Er zeigt deutlich, dass auch hier der Unterbau zusammen mit der Matratze und dem Topper diesem Bettsystem erst die Eigenschaften verleihen, die für Käufer wichtig sind und die die Stiftung Warentest hervorhebt – z.B. die Höhe des Bettes, die ein leichtes Ein- und Aussteigen ermöglicht.

Die Stiftung Warentest ignoriert die ganze Vielfalt der Bettsysteme – sie testen nur Federkernmatratzen, Latex- und Kaltschaummatratzen – andere Matratzen bleiben unerwähnt.
Dabei gibt es inzwischen deutlich mehr Bettsysteme als nur mit Federkern-, Latex- und Kaltschaummatratze und selbst die gibt es in unterschiedlichen Varianten, verschiedenen Herstellungsverfahren und Materialien – aus nachwachsenden Stoffen oder Materialien, die der Petrochemie geschuldet sind.

Hinzu kommt: Inzwischen haben Firmen wie Samina, Bettkonzept, Allnatura oder Relax, Traumreiter und etliche Andere eigene Betten, eigene Schlafsysteme entwickelt. Es gibt immer noch Futons – pur oder als Hybrid -, es gibt Schlafsofas, die an Komfort normalen Betten in fast nichts mehr nachstehen. Es gäbe soviel zu testen.

Man kann zwischen Rosshaarmatratzen oder Gelbetten wählen. Es gibt Wasserbetten, mit oder inzwischen auch ganz ohne Heizung. Es gibt eine ganze Reihe von Hybridbetten, die das beste aus zwei Welten zu etwas Neuem, hoffentlich Besserem zusammenfügen. Zum Beispiel (siehe oben) das Hydrobett von Traumreiter, einer Kreuzung aus Wasserbett und Kaltschaummatratze mit verblüffenden Eigenschaften.

Und was macht Stiftung Warentest? Diffamiert die Verkäufer der Fachgeschäfte und testet ausschließlich drei Matratzentypen und – keiner weiß warum – ein komplettes Bettsystem, das ebenfalls nur einen der drei Matratzentypen verwendet.

© Foto: Samina – Schichtaufbau eines Samina-Bettes. Auch hier würde die Stiftung Warentest nur die Matratze auf neutraler Unterlage testen. Aber Samina-Betten finden im Test überhaupt nicht statt – dabei gibt es sie schon mehr als 20 Jahre und ihre Beliebtheit nimmt immer noch zu. Aber warum wird nicht das komplette Bett der Hersteller geprüft? Ich stelle mir einen Autotest vor, bei dem die Stiftung der Vergleichbarkeit halber den Motor ausbaut um mir zu sagen, wie man damit fährt. Willkür – Ahnungslosigkeit – Schlimmeres?

Alle anderen Matratzen und Schlafsysteme werden nicht einmal erwähnt – im Gegenteil, es wird so getan, als ob es sie nicht gäbe: „Orientierung im Betten-Märchenland gibt allein der Produktfinder der Stiftung Warentest. (…) Von Kaltschaum über Latex bis Federkern und Boxspringbett.“ (Originialton Stiftung Warentest).

Die Masse macht`s – 215 Matratzen im Test, von denen man 94 Matratzen schon nicht mehr kaufen kann!
Dass die Stiftung Tests von nicht mehr erhältlichen Matratzen veröffentlicht, das wussten die Autoren schon, als sie die Ergebnisse zusammenfassten Es wurden 215 Matratzen getestet, von denen 121 Matratzen heute noch lieferbar sind. Dazu wird eine Grafik gezeigt, die das Preis-Leistungsverhältnis zeigen will, aber nicht der 121, die noch lieferbar sind, sondern nur von 104 Matratzen: “Die Grafik zeigt Preise und Test­urteile der 104 seit 2009 geprüften Matratzen, die es noch zu kaufen gibt.” schreibt die Stiftung. Warum fehlen hier nochmals 17 Stück? Wurden die anderen noch lieferbaren Produkte vor 2009 getestet? Gibt es einen Unterschied zwischen lieferbar und zu kaufen? Passten die fehlenden Matratzen nicht ins Schema, hat den Grafiker die Lust verlassen – ach, das ist eigentlich auch schon egal.

Es erscheint mir unverständlich, warum eine ehrwürdige Organisation ihren guten Ruf aufs Spiel setzt und derart unseriös agiert: Warum behelligt uns eine Institution praktischer Vernunft mit den Testergebnissen von 94 Matratzen, die alle eines gemeinsam haben: Man kann Sie nicht kaufen, es gibt sie nicht mehr, sie sind nicht lieferbar.

Einfach, weil diese Matratzen irgend wann einmal in den letzten sechs Jahren getestet worden waren und es doch blöde wäre, damit nicht ein wenig hausieren zu gehen? Ein Albtraum für die Tester, hätte das Ergebnis gelautet: Die Siegermatratze wird nicht mehr produziert. Aber Glück gehabt – es gibt sie noch.*

Überprüfbare, nachvollziehbare Tests verspricht die Stiftung: Aber Transparenz findet nur scheinbar statt.
Zum Skandal wird das Gebaren der Stiftung, stellt man sich die Frage: Welche Matratzen werden – „seit jeher“, wie die Redaktion betont – getestet? Und nach welchen Kriterien werden die Matratzen ausgewählt, die die Stiftung prüft? Die Tester versuchen ihr Manko mit einer sprachlichen Ungenauigkeit zu verschleiern: Sie kaufen Matratzen aus „Kaltschaum über Latex bis Federkern und Boxspringbett.“

Auf diese Weise umschreibt man im allgemeinen Sprachgebrauch die ganze Bandbreite möglicher Matratzentypen: Man benennt Anfang und Ende der breiten Typenpalette „von – bis“. Leider testen die unabhängigen Tester der Stiftung nur genau diese drei Matratzentypen – mit nichts dazwischen, also nicht „von – bis“.

© Foto: Rosshaar-Manufactur Moosburger. Rosshaar – altbewährt und auch heute gern verwendet für gesunde, natürliche Matratzen der Extraklasse. Für die Stiftung Warentest existiert dieses Matratzen-Material nicht, das die Rosshaar-Manufactur seit Generationen in einem eigens entwickelten Verfahren zu hochwertigen Matratzen verarbeitet – hier in einem Massivholzrahmen.

Die Stiftung Warentest gibt zu Protokoll – und wir können es schon nicht mehr hören: „Es gibt Latex- und Schaumstoffmatratzen, Federkernmatratzen und Boxspringbetten.“ Und wie die nachfolgende Beschreibung zeigt: sonst gibt es nichts zu testen für die Stiftung, die doch dem Verbraucher verpflichtet ist und ihm Orientierung geben sollte.

Natürlich gibt es mehr als drei Matratzen-Typen und ein Bettsystem. Warum werden beispielsweise neuen Hybridbetten nicht geprüft? Bettsysteme, für die mutige Entwickler aus den Stärken unterschiedlicher Matratzen-Welten das jeweils Beste zu etwas Neuem, Besseren zusammenfügen wollen. Ist dies gelungen? Das wäre einen Test wohl wert.

Die Stiftung vergleicht Äpfel mit Birnen – das Boxspringbett wird mit einfachen Matratzen verglichen
Und warum werden keine neuen Bettsysteme als Ganzes, als System verglichen? Ich höre schon die Argumente: Die Matratze von Allnatura beispielsweise ist ja auch nur eine Kaltschaum- bzw. eine Naturlatexmatratze?

Aber was für das Bettsystem Boxspringbett gilt muss auch für Allnatura und all die anderen modernen Systeme gelten. Auch hier ist die Matratze Teil eines Bettsystems. Der Frage stellt sich: Warum hebt der Test der Stiftung Warentest das Boxspringbett aus der Menge möglicher Systeme heraus? Absicht, reines Unvermögen, Dummheit? Wir wollen nicht einmal spekulieren.

Was will der Bettenkäufer: gut schlafen. Was sollte getestet werden: komplette Bettsysteme.
Allgemein gefragt: Warum werden die Matratzen isoliert betrachtet? Warum testet man – mit dem Hinweis auf die Vergleichbarkeit – alle Matratzen auf einer „starren“ Unterlage, als ob irgendwer wissen will, wie man auf einer Matratze liegt? Gut schlafen wollen wir! Und wenn uns das ein Bettsystem mit einer dünnen Latexmatratze und einer ausgefuchsten Unterfederung bietet, dann ist es uns recht.

Ein weiteres Argument ahne ich schon. Ich vermute, diese Institution für Verbraucherfreundlichkeit denkt: Wir von der Stiftung Warentest haben die Matratzensysteme getestet, die am häufigsten gekauft werden. Das allerdings stimmt – und das sollte man der Stiftung besonders energisch vorwerfen:

Der Weg der Masse – Neues, vielleicht Besseres hat keine Chance: Wie die Stiftung den Erfolg von Innovationen behindert.
Was gekauft wird wird getestet, was testet wird, wird gekauft, was nicht getestet wird, was nicht einmal erwähnt wird, hat es schwerer in die Überlegungen der Verbraucher mit einbezogen zu werden. Neues wird nicht ausprobiert, Fortschritt kann so nicht stattfinden. Der Verbraucher wird mit neuen Bettsystemen allein gelassen. Lautet so der Auftrag der Stiftung?

Auch die konkrete Frage nach der Transparenz, d.h. wie die Matratzen ausgewählt werden, finde ich nirgends beantwortet. Darüber wird im ganzen, über weite Strecken polemischen Beitrag nichts gesagt. Warum werden 130 Schaumstoff-, 60 Federkern- und 11 Latexmatratzen sowie 14 komplette Boxspringbetten getestet? Gibt es dafür irgendeine plausible Erklärung? Hat jemand den Markt analysiert? Sind das alle in Deutschland erhältlichen Matratzen dieser Bauarten? Ist das eine den jeweiligen Matratzen-Typus abbildende repräsentative Auswahl? Oder war die Auswahl in den dahinterliegenden Tests – denn jetzt wurden ja nur bisherige Matratzentests zusammengefasst – vollständig, repräsentativ oder sonst irgendwie erklärbar und erst jetzt in der Zusammenschau tauchen diese Fragen auf? Die Fragen mehren sich, die Zweifel bleiben. Zurecht. Teil 2 folgt schon bald.

*Ich darf den Sieger der „beste(n) je getestete(n) Matratze“ nicht nennen, dagegen sprechen die von mir akzeptierten Nutzungsbedingungen. Das kann ich verstehen, denn schließlich muss die Stiftung Geld verdienen – und wer kauft schon einen Test, wenn die Siegerprodukte kostenlos genannt werden?
 

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Probeliegen und Beratung durch die Filialleiter Matthias Leitner und Irmengard Bauer

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Traumreiter fertigt selbst und ist wohl der innovationsfreudigste Wasserbettenhersteller in Deutschland
Traumreiter GmbH
Neubrückenstr. 7
33142 Büren
Tel: 0 29 51 – 93 99 80
info@traumreiter.com
www.traumreiter.com

Die einzige Rosshaarmanufactur in Europoa, die den kompletten Herstellungsprozess von der Sammlung der Haare bis zum Verkauf kompletter Betten mit Rosshaarmatratzen beherrschen und die ein eigenes System entwickelt haben, Rosshaarmatratzen zum lebenslangen Begleiter zu machen.
Walter Moosburger KG
Rosshaar – Manufactur
Ziegelbachstraße 54
6912 Hörbranz
ÖSTERREICH
Tel. +43 5573 / 82134
E-Mail: office@moosburger-kg.at
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Fachgeschäft für Boxspringbetten:
Möbel im Netz GmbH betreibt sechs Onlineshops rund um den guten Schlaf

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D-73540 Heubach
Boxspringbetten.net – Kundenservice
Telefon: 07173 – 71451 – 33
service@boxspringbetten.net
www.boxspringbetten.net

Stiftung Warentest – Testheft Oktober 2015. Der komplette Artikel sowie die Ergebnisse des Matratzentests:
https://www.test.de/Matratzen-im-Test-1830877-0/

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Detlef Rochow

One Response to “Stiftung Warentest: 215 Matratzen im Test (1)”

  • Danke für diesen sehr ausführlichen Artikel. Meiner Meinung nach ist das eine bewusste Manipulation des Kunden. Es gibt ja auch einen Artikel von der oben genannten Stiftung, die sagt das der Lattenrost keine Wirkung hat. Wir haben bei uns in unserer kleinen Ausstellung Schlafsysteme von Herstellern die noch auf Natur setzen. Immer wieder müssen wir unseren Kunden erklären wie die Unterfederungen der Schlafsysteme den Körper stützen. Da die Stiftung Warentest ja sagt ein starres Brett ist besser. Warum bilden wir uns denn ständig weiter, machen Kurse bei der IGR, und lassen uns zum ergonomisch geprüften Schlafberater ausbilden. Bei uns ist der Kunde noch König, und wir beraten und testen zusammen, bis wir hier das perfekte Schlafsystem für Ihn gefunden haben. Manchmal habe ich das Gefühl bei manchen Tests geht es zurück in die Steinzeit. Ich habe jahrelang auf einem Brett mit Matratze gelegen, und weiß wie schmerzhaft das ist. Nur weil damals die Meinung war hart schlafen ist gut für den Rücken.

    Danke für Ihren Artikel.
    Ihr Schlafberater
    Georg Niebler.

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